22. Dez, 2013

Ons liberal säkular Hémécht

Brief an die Redaktion
Betreff: Abschaffen des Religionsunterrichts im Rahmen einer Trennung von Kirche und Staat.

Ons liberal säkular Hémécht (Originalschreibweise von Michel Lentz)

 

Die neue Koalition will den Menschen in Luxemburg eine Wahlmöglichkeit nehmen. Für mich klingt das sehr wenig liberal. Man kann gegen den Religionsunterricht sein, aber man sollte den Menschen die Möglichkeit der Wahl lassen. Wenn so viele Luxemburger dagegen wären, dann würde ja wohl keiner mehr hingehen und die Religionslehrer stünden vor leeren Klassenzimmern. Oder?

Die hier zu Lande anerkannten christlich-jüdischen Religionen können in ihren jeweiligen Unterrichten den tatsächlichen Werten der modernen, global enthemmten Gesellschaft ein moralisches Fundament bieten!
Ein laïzistischer Werteunterricht beruht eigentlich nur auf der Hoffnung, dass gute Worte allein dazu beitragen den heranreifenden Kindern und Jugendlichen Horizont und Grenzen moralischen Handelns zu vermitteln. Ohne Fundament. Kindern erscheint die Möglichkeit eines Gottes als einleuchtend und selbstverständlich. Er ist die Vaterfigur, die jeder benötigt. Spätestens auf dem Todesbett gewinnt diese Ansicht wieder an Attraktivität.

Aber das Bedürfnis nach Erklärungen für "persönliche Erfahrungen wie Tod, Sterblichkeit und das Verlangen nach Liebe" (Ludwig Feuerbach) beruht nun mal nicht auf den "politischen Zuständen der Gesellschaft" wie Karl Marx seelig das annahm.
Eine Regierung kann versuchen, die Menschen von der Religion abzukoppeln, ihre seelischen Bedürfnisse wird sie durch einen "Werte"-Unterricht nicht stillen können. Wenn wir keine gemeinsame Hoffnungen mehr haben sollen (gemeinsam im Sinn von: zusammen in der Gesellschaft), dann dürfte der Weg noch mühsamer werden. Es gibt genug Gruppen und Grüppchen, die die Sinn-Suchenden auffangen werden.

Der Rahmen zu einer "Herzens"-Bildung, wie ich den Aufbau einer Glaubens-Hoffnungs-Nächstenliebestruktur mal nennen will, die unabdinglich für das Zusammenleben in der Gesellschaft ist, sollte zumindest von einem vergleichenden Religions- bzw Glaubensunterricht gestellt werden. Warum glauben so viele, warum tun sie es manchmal heimlich und verschämt, was wurde früher geglaubt, was glauben die andern, wer glaubt nicht und warum? Das funktioniert nicht in einem nüchternen pseudophilosophischen Werte-Unterricht. Den wer abhalten soll? Ein Gläubiger, ein Agnostiker, ein Atheist oder ein Anti-theist? Mit welcher Basisbildung?

Doch nicht nur Religions-Glaubens- oder Werte-Wissen sollte vermittelt werden, sondern auch die Basis und die Entwicklung unser 2000-jährigen Kultur. Die Bedeutung und Herkunft unserer Feste und Gebräuche, die unsere Gesellschaft noch immer recht gut zusammenhalten.
Es bleibt doch interessant zu wissen, warum wir einen arbeitsfreien Tag geniessen können. Oder wollen wir auch die Feste umbenennen wie in der französischen Revolution?
Weil, abschaffen werden wir diese Feiertage nicht, ohne auf den erbitterten Widerstand aller Links-grün-blau-rot-oder-was-auch-immer-Gerichteten zu stossen. So in etwa 100% aller Luxemburger.
Wie lustig ist das eigentlich, wenn die Staatsdiener in einem laizistischen Staat an einem katholischen Festtag freifeiern können?

Was können wir dem Islam, der sich immer aggressiver auch bei uns (und in den Grenzregionen) etabliert, entgegensetzen, wenn wir unsere eigene kulturellen Wurzeln und unsere Überzeugungen von alters her verleugnen? Wer nichts glaubt, hat es immer schwer gegen jemanden der glaubt.
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Es geht der neuen Koalisation auch nicht um's Geld, das die Diener der anerkannten Religionen beziehen, der Staat verplempert locker das zig-fache ohne dass wir Steuerzahler, ob christlich oder nicht, es überhaupt merken. (Was kosten zum Beispiel die überaus "nützlichen" Hinweisschilder "Umweltbündnisgemeng" vor jeder Ortschaft?)

Bei einem rein laïzistischen Staatsakt zum Nationalfeiertag müssten wir eigentlich auch die letzte Strophe unserer "Hémecht" streichen. Weil, "O Dù do uowen dém séng Hand...". Im KZ wurde gebetet. Sie hatten es noch gelernt. Und die, die heim kehrten, weinten bei dieser Strophe.

Liebe Koalition, wenn man in Luxemburg Aufmerksamkeit erregen will, reibt man sich seit eh und je an Klerus, Kirche und Religion. Aber das sollte man, wie der kommunistische Pierre Garaudy im französischen (Staats)Fernsehen in Bezug auf den katholischen Schriftsteller Paul Claudel bemerkte, erst ab einem gewissen Niveau.
Eine Diskussion wurde angestossen, von der ich nicht überzeugt bin, dass sie im Augenblick diesem Niveau entspricht. Die Kommentare sprechen Bände.
Fröhliche Weihnachten und mit freundlichen Grüssen.

Jean M.P. Gilbertz